Christoph hat in seinem Blog A Goy’s World auf meinen Eintrag “hurra ich werd ein neocon” reagiert. Ich freue mich natürlich, dass mein Text gelesen wird und solch direkten Widerspruch hervorgerufen hat. Dafür, dass Christoph den Text scheinbar weitgehend auf sich bezieht, kann ich allerdings nichts, denn es ging mir ja mitnichten nur um Leute, “die nicht (mehr) links sind”, sondern eben auch um das Spektrum an Meinungen, das bei PI vertreten ist.
Ich gehöre, nach meinem Selbstverständnis, keinem linken Mainstream an. Der elende Zustand der sogenannten Linken in Deutschland hat bei mir jedoch noch nicht dazu geführt, die Verhältnisse vollständig zu affirmieren.
Eigentlich halte ich nichts davon einen satirischen Text zu erklären, aber ich sehe mich dennoch genötigt, einige Punkte klarzustellen und dem guten premium goy zu antworten.
Wenn wir das chinesische Modell eines staatlich geleiteten, also unfreien Kapitalismus’ mal beiseite lassen, können wir in der Tat feststellen, dass in den Regionen des Planeten, wo eine freie Marktwirtschaft eingerichtet wurde, Wohlstand und Freiheit der Menschen größer sind als z. B. in Nordkorea.
Ich lasse mich von Christoph nicht zu einem Fürsprecher für das Regime in Nordkorea machen, nur weil ich mir das Recht vorbehalte, die gesellschaftlichen Entwicklungen, auch in ökonomischer Hinsicht, kritisch zu betrachten.
Hier wird klar, dass Kuchenbruch in der Rolle der linken Sau natürlich allerorten Islamophobie zu entdecken glaubt: Nicht islamische Fundamentalisten sind das Problem, nein, ganz im Gegenteil, die überall um sich greifende Islamophobie ist die Gefahr!
Der Text beschäftigt sich mit den Neocons und nicht mit dem Islam. Ich kritisiere hier den meiner Meinung nach sehr undifferenzierten und vereinfachenden Blick auf den Islam von der Warte der neokonservativen Ideologie aus. Im übrigen behaupte ich ja auch nicht, dass der Islamismus keine Gefahr darstellt.
Dieser vierte Punkt ist ein bisserl wirr, leicht könnte Unklarheit darüber entstehen, ob ich nun ein Neocon, ein Ultraliberaler oder ein Antideutscher werden soll.
Es gibt ideologische Berührungspunkte zwischen sogenannten Neocons, Ultraliberalen und Antideutschen.
In vielen gutmeinenden Kreisen des linken Mainstream ist man überzeugt, man dürfe andere Kulturen aus der Position der eigenen Kultur heraus nicht bewerten. Dieser Kulturrelativismus wird laut Kuchenbruch also von Neocons abgelehnt. In diesem Punkt muss ich gar nicht erst Neocon werden, da ich Kulturrelativismus ebenfalls nicht so toll finde.
Prinzipiell ist es durchaus statthaft, einer anderen Gruppe etwas anzuraten. Die Genitalverstümmelung in Somalia, Sudan oder Mali ist eine kulturelle Tradition, zu deren Abschaffung ich aus europäischem Blickwinkel anraten würde, obwohl es ein “Übergriff” ist, der möglicherweise sogar als eurozentrisch oder als (post-)kolonialistisch gekennzeichnet werden könnte.
Mag sein, dass in “gutmeinenden Kreisen des linken Mainstream” tatsächlich ein Kulturrealtivismus verbreitet ist, der so weit geht, eine Kritik an Genitalverstümmelung für illegitim zu erklären. Nur ging es mir leider nicht darum einen wie auch immer gearteten Kulturrealtivismus zu verteidigen, sondern um etwas anders: Um die Fetischisierung der Aufklärung und dem daraus resultierenden Paternalismus. Mich ärgert, dass die Aufklärung als Beleg für die eigene Überlegenheit herangezogen wird. Dabei wird es scheinbar nicht als nötig erachtet, sowohl die Epoche der Aufklärung selbst wie auch deren Funktion innerhalb des eigenen Ideologiegebäudes kritisch zu betrachten. Ausgestattet mit der Gewissheit der Überlegenheit wissen die Neocons dann nicht nur, was genau die Menschen in den “unterbelichteten Regionen” brauchen, sondern eben auch wie die angestrebten Veränderungen herbeizuführen sind. Und das ist schlichtweg paternalistisch.
Um bei der von Christoph angeführten Genitalverstümmelung zu bleiben: Ich halte es für wesentlich sinnvoller beispielsweise Frauenorganisationen in den genannten Ländern bei ihrer Arbeit zu unterstützen und genau zu zuhören, welche Hilfe sie bei ihrem Kampf benötigen, als mit der Gewissheit der eigenen kulturellen Überlegenheit an diese Menschen heranzutreten.
Meine Kritik zielte in erster Linie auf die Schematisierung und Blockbildung im Denken einiger Zeitgenossen ab. Vorallem vermisse ich bei den neokonservativen Ideologen schlichtweg die Fähigkeit oder den Unwillen zur Selbstkritik. Die Art wie Christoph auf meinen Text reagiert zeigt aber, dass er leider etwas reflexhaft antwortet: Ich wage es die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse sowie die Verherrlichung des Kapitalismus etwas zu kritisieren, er kontert mit dem Verweis auf das Regime in Nordkorea. Ich kritisiere den generalisierenden Blick auf Moslems, gleich wird behauptet, ich würde die Gefahr des islamistischen Fundamentalismus ignorieren. Ich lasse durchblicken, dass mich das elitäre Gehabe der neokonservativen Adepten nervt, er behauptet, dass ich Kulturrelativismus und damit indirekt Genitalverstümmelung gutheißen würde. Ich meine, will der mich mit seinen Erwiderungen “totschlagen”? Ich hoffe doch nicht.
November 4, 2007 at 10:53 pm
Dafür, dass Christoph den Text scheinbar weitgehend auf sich bezieht…
Ich meine, will der mich mit seinen Erwiderungen “totschlagen”?
Ein kleiner Rest Humor ist erhalten geblieben.
November 4, 2007 at 10:59 pm
Ich habe übrigens nur deswegen die Idee gehabt, einen Beitrag dazu zu schreiben, weil mein freundlicher Kommentar zum Hurra-Beitrag nicht angenommen wurde.
Falls das aus Versehen war: es geht immer noch nicht.
November 6, 2007 at 6:35 am
Hallo Christoph,
Dein Kommentar wurde als Spam eingestuft. Ziemlich intelligent das WordPress-System, oder?
Ich habe im Wust der Spam-Kommentare jetzt zwei von Dir gefunden und freigegeben.
Grüße,
kuchenbruch
December 15, 2007 at 4:33 pm
Ein Filter ist ein Filter ist ein Filter.